DGG-Buchpreis 2020

Berlin. Die Leipziger Buchmesse fällt aus – den Buchpreis der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft (DGG 1822 e.V.) gibt es trotzdem.Das Siegerbuch „Die Pflanzenbilder des „I.H.““ und die weiteren fünf Top-Titel stehen fest. Die Preisverleihung findet diesmal am 16. Oktober 2020 im Rahmen der Jahreshauptversammlung der DGG auf der Insel Mainau statt.

Die Jury war sich schnell einig: Der DGG-Buchpreis 2020 geht an das Buch “Die Pflanzenbilder des „I. H.““ von Christiane Jacquat. „Der Schweizer Biologin ist wieder ein Sensationsfund gelungen. Sie hat vergessene Schätze des Pflanzenzeichners Josef Hanel ans Tageslicht gezaubert. Die handkolorierten Zeichnungen sind fantastisch und ziehen einen magisch in den Bann“, so die Begründung der Jury.

Bei Sichtungsarbeiten im Depot des Botanischen Museums der Universität Zürich stieß die promovierte Archaeobotanikerin auf einen in Vergessenheit geratenen Schatz großformatiger handkolorierter Glasdiapositive in Holzkästen. „Es war, als würde plötzlich Sonnenschein in den Keller dringen. So lebhaft, voll Energie, voll Licht!“, so Jacquat über ihre Entdeckung. Die Glasdiapositive wurden auch zur Projektion in Kinos verwendet.

Dies war nicht der erste Sensationsfund der Kuratorin. Sie hat bereits Teile einer Blumenschmuckgirlande aus dem Grab Pharao Ramses II. im gleichen Depot aufgespürt. Bei dem aktuellen Bilderfund fand sich zunächst kein Hinweis auf den Urheber, lediglich das Kürzel „I.H.“. Doch dank detektivischer Feldforschung in europäischen Museen, Archiven und Verlagen wurde der Klarname eines großen Pflanzenporträtisten entschlüsselt: Josef Hanel (1865–1940).

Die TOP 5

Die blinde Gartenliebhaberin Ruth Zacharias beschreibt in ihrem Buch „Duft und Farbe“, wie Gärten zu sinnlichen Oasen für Menschen mit Seheinschränkungen werden. Über Düfte, Fühlen und Schmecken lässt sich der Zauber der Pflanzen auch ohne Augenlicht erspüren. Das Buch enthält eine Liste mit 1000 Duftpflanzen, viele praktische Tipps und setzt Maßstäbe für die Gestaltung von Gärten für Blinde.

Die Kolumnistin Susanne Wiborg beschreibt in ihrem Buch „Gäste in meinem Garten. Bienen, Amseln, Huhn und Star“ mit viel Humor was in ihrem Garten im Laufe des Gartenjahres kreucht und fleucht, zwitschert und gackert.

Das Autorenpaar Katrin und Frank Hecker weckt mit seinem Buch „Heilsame Wildpflanzen“ Lust Wildpflanzen zu sammeln, anzupflanzen und selbst Cremes, Tinkturen und Tees herzustellen. Ebenfalls um Wildpflanzen dreht sich alles in dem Buch „Wo die wilden Nützlinge wohnen“ von Sonja Schwingesbauer. Die promovierte Landschaftsplanerin beschreibt wie sie ihren eigenen Garten in einen wilden Nützlingsgarten verwandelt hat.

Gesa Sander hat ein Buch für die jüngsten Gärtnerinnen und Gärtner geschrieben. In „Kindergarten“ laden tolle Mitmachprojekte, Experimente und viel Wissenswertes zum Ärmel hochkrempeln und ausprobieren ein.

 

Die Preisträger im Überblick:

Christiane Jacquat

Die Pflanzenbilder des „I. H.“: Eine rätselhafte Sammlung handkolorierter Glasdiapositive

AT Verlag

ISBN 978-3-03902-000-3

49,00 €

Ruth Zacharias

Duft und Farbe – Gärten werden zu Oasen

www.edition-winterwork.de

ISBN 978-3-96014-576-9

24,90 €

Susanne Wiborg

Gäste in meinem Garten

Verlag Antje Kunstmann –

ISBN 978-3-95614-297-0

18,00 €

Katrin und Frank Hecker

Heilsame Wildpflanzen

Haupt Verlag

ISBN 978-3-258-07977-6

29,90 €

Sonja Schwingesbauer

Wo die wilden Nützlinge wohnen

Löwenzahn Verlag

ISBN 978-3-7066-2645-3

29,90 €

Gesa Sander, Julia Hörsch

KinderGarten

AT Verlag

ISBN 978-3-03800-069-3

25,00 €

Rezensionen

Christiane Jacquat: Die Pflanzenbilder des „I. H.“: Eine rätselhafte Sammlung handkolorierter Glasdiapositive

Papaver somniferum, der Schlafmohn, die wichtigste Arzneipflanze der Medizingeschichte, begrüßt uns auf dem Titel dieses Bildbandes. Es scheint eine Photographie zu sein, wirkt jedoch auf eigentümliche Weise transluzent und sphärisch. Christine Jacquat schenkt uns hier eine Publikation mit phantastischen Pflanzendarstellungen aus dem ersten Viertel des vergangenen Jahrhunderts.

Bei Sichtungsarbeiten im Depot des Botanischen Museums der Universität Zürich stieß die promovierte Archaeobotanikerin auf einen in Vergessenheit geratenen Fundus von großformatigen handkolorierten Glasdiapositiven in Holzkästen. „Es war, als würde plötzlich Sonnenschein in den Keller dringen. So lebhaft, voll Energie, voll Licht!“, bemerkte Jacquat über ihre Entdeckung.

Dies war nicht der erste Sensationsfund der Kuratorin in diesem Depot, fand sie doch zuvor bereits Teile einer Blumenschmuckgirlande aus dem Grab Pharao Ramses II., sowie verholzte nussgroße Äpfel aus einer Grabung der neolithischen Pfahlbausiedlung in Robenhausen. Die Siedlungsreste wurden am 27. Juni 2011 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen und gehören zu den 111 Fundplätzen mit dem größten wissenschaftlichen Potential, als Bestandteil der Seeufersiedlungen des Alpenraumes.

Malerei im Stil des „Trompe-l’oeil“

Bei dem aktuellen Bilderfund fand sich kein Hinweis auf den Urheber, lediglich das Kürzel „I.H.“ teils aufgemalt, teils in das Glas graviert. Detektivische Feldforschung in europäischen Museen, Archiven und Verlagen brachte den Klarnamen eines großen Pflanzenporträtisten zu Tage: Josef Hanel (1865 – 1940). Er arbeitete lange Jahre als Zimmermaler im Stile des „Trompe-l’œil“, kam vermutlich über seinen Bruder zur Photographie und verband beide Künste in Perfektion.

Dabei sah Hanel sich wahrscheinlich eher als Handwerker, denn als Künstler. Erste Veröffentlichungen ab 1916 zeigen seine märchenhaft schönen und zugleich fachlich höchst informativen Portraits von Speise- und Giftpilzen in Bestimmungsbüchern. Der Großteil seines umfangreichen Schaffens lag in der Herstellung von ästhetisch herausragenden Glasdiapositiven für den didaktischen Gebrauch. Über die Firmen Liesegang und Wachenfeld & Schwarzschild vertrieb er Serien von Projektionsdias unterschiedlicher Themen zu Vortragszwecken.

Übrigens: Auch sein weltberühmter Kollege und Zeitgenosse Karl Blossfeldt (1865 [!] – 1932) sah seine Pflanzenbilder anfangs nicht als eigenständige Kunstform, sondern schlicht als Schulungsmaterial im Zeichen- und Modellierunterricht.

Großmeister der Handkolorienrug

Die erste Abbildung im Bildteil der Publikation überrascht mit der dramatischen Darstellung eines amoeboiden Schleimpilzes in nuancenreichster Farbgebung und mit grandiosem Bildaufbau. Hier geht Hanel weit über eine rein darstellende Photographie hinaus.

Dieser Künstler zeigt eine große Gestaltungskraft. Das Bildnis der „Gelben Lohblüte“ (Fuligo septica var. flava Morgan) hat eine hinreißende Dynamik. Wir können die rasante Geschwindigkeit von etwa 2 cm pro Stunde in einer schön geschwungenen Linkskurve direkt nachvollziehen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die gegenläufig diagonal in das Bild gesetzte Holzmaserung.

Lange Jahre der Übung in der Trompe-l’œil Malerei haben Hanel zum Großmeister der Handkolorierung werden lassen. Die selbst angemischten, wundervoll transluzenten Eiweißlasurfarben auf leicht überbelichteten Schwarzweiß-Diapositiven rufen eine chimärenhaft zarte Anmutung hervor. Vor Allem die im Tageslichtatelier von indirekter Nordlichtbeleuchtung umschmeichelten Pflanzenportraits wirken wie Bildnisse von Astralleibern. Selbst die am Ende des Bandes gezeigten Pflanzen mit stark ausgeprägtem Schädlingsbefall haben eine morbide Grandezza.

Das vom Grafiker Gianni Bertozza besonders delikat angerichtete Buch aus dem AT-Verlag zeigt sehr deutlich, welch überzeugende Schönheit entstehen kann, wenn sich echtes Können und gutes Material begegnen.

Bei aller Begeisterung über diesen gelungenen Bildband dürfen wir aber eines nicht vergessen: Josef Hanel schuf sein Werk vor allem für die magische Form der Projektion auf Kinoleinwand im verdunkelten Saal. (NBJ)

Christiane Jacquat

Die Pflanzenbilder des „I. H.“: Eine rätselhafte Sammlung handkolorierter Glasdiapositive

AT Verlag

ISBN  978-3-03902-000-3

49,00 €

In die Top 5 der besten Gartenbücher hat das Buchpreis-Kuratorium gewählt:

Ruth Zacharias: Duft und Farbe – Gärten werden zu Oasen

Etwas mit allen Sinnen genießen. Wie oft hört oder liest man diese Aufforderung, nicht zuletzt, wenn es um das Gärtnern in der Freizeit geht. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Befühlen sollen und werden genutzt, wobei das Sehen gerade in Gärten die hauptsächliche Wahrnehmung ist. Daran, dass es viele Menschen gibt, die ihre Eindrücke nicht durch Sehen oder Hören gewinnen können, denkt man in der Regel nicht. Gärten entstehen auch nicht unter diesem Gesichtspunkt. In der Gestaltungslehre für Gärten dominiert das Sichtbare.

Trotzdem gibt es viele Menschen, die nicht sehen können, einige können weder Sehen noch Hören. Können sie Gärten erleben, sich in ihnen problemlos bewegen, Pflanzen wiederfinden und sich auch Farben vorstellen? Das Buch von Ruth Zacharias gibt darauf eine klare Antwort: Ja, sie können. Wenn der Garten ihren Bedürfnissen entsprechend geplant und gebaut ist.

Ein Garten für Blinde – der botanische Blindengarten Radeberg

In Radeberg bei Dresden wurde in den 1990er Jahren eine verfallene Villa zu einer Begegnungsstätte für taubblinde Menschen ausgebaut und ein Garten für Blinde entwickelt. Die Besondere: Die Planungen entstanden im gemeinsamen Gedankenaustausch zwischen dem Landschaftsarchitekten und Ruth Zacharias, die als zehnjähriges Mädchen erblindete. So ist ein botanischer Garten entstanden, der ganz auf die Bedürfnisse blinder Menschen zugeschnitten ist. Das Buch geht besonders auf die Sinne Riechen und Tasten ein, die an die Stelle des verloren gegangenen Sehens treten müssen, und enthält Empfehlungen zur Pflanzenauswahl und zur Gartengestaltung. Diese Empfehlungen machen den besonderen Wert des Buches aus. Sie sind entstanden aus den Erfahrungen einer Frau, die seit ihrer Kindheit gelernt hat, ihre Umgebung ohne das Augenlicht zu erfassen. Für Sehende ist das nicht abschließend vorstellbar und so weicht sicher ein Teil der Empfehlungen von dem ab, was ein sehender Gartengestalter vorschlagen würde.

Architektur der Düfte

Es beginnt bei der Frage, was als Duft empfunden wird. Manches, was der mit allen Sinnen genießende Gartenfreund als Duft einordnet, empfinden Blinde nicht als duftend, manches sogar als stinkend. Weiter geht es mit der Unterscheidung in Pflanzen mit Blütenduft und in Pflanzen, die beim Berühren Duft verströmen. Das Ertasten von Pflanzen gehört zu den wichtigen Sinneswahrnehmungen für Blinde und geeignete Pflanzen sind gezielt auszuwählen. Im Buch werden Erfahrungen blinder Menschen beim Erleben von Gärten und beim Umgang mit Pflanzen geschildert und ein Gefühl dafür vermittelt, wie sehr ihnen solche Erfahrungen helfen, ihr Wohlbefinden zu verbessern. Darin besteht der eigentliche Sinn solcher Gartenanlagen.

Die Pflanzenporträts und die Liste von über 1000 Duftpflanzen, die im Garten am „Storchennest“ zu finden sind, haben für die Planung von Gärten für Menschen mit eingeschränkter Sehkraft einen immensen Wert. Gleiches gilt für die Hinweise zu Hochbeeten, Handläufen und anderen Elementen im Leitsystem und Beschilderungen. Für Blindengärten setzt das Buch einen Maßstab. Bei entsprechenden Planungen ist es sowohl für das Verständnis der besonderen Anforderungen als auch für das Schöpfen aus den Erfahrungen eine große Hilfe. Und – auch das sollte nicht vergessen werden – die empfohlenen Pflanzen können natürlich auch in allen anderen Gärten Verwendung finden. Sicher gibt es auch dabei für den Gartenfreund noch etwas zu entdecken. (IH)

Duft

Ruth Zacharias

Duft und Farbe – Gärten werden zu Oasen

www.edition-winterwork.de

ISBN 978-3-96014-576-9

24,90 €

Katrin und Frank Hecker: Heilsame Wildpflanzen: im Rhythmus der 10 Jahreszeiten sammeln und anwenden.

Im Jahre 2019 erschien im Haupt-Verlag der Titel „Heilsame Wildpflanzen: im Rhythmus der 10 Jahreszeiten sammeln und verwerten“. Schon der farbig gestaltete Einband des 344 Seiten umfassenden Buches weckt Interesse und lockt zum Hineinschauen. Hineinschauen ist hier jedoch der Beginn für ein weiteres Hineinlesen und besitzen wollen, angeregt vom relativ kleinen Preis von 29,90 €. Denn die Biologen Katrin und Frank Hecker haben als Autoren etwas Besonderes geschaffen. Es ist ihnen gelungen, eine Symbiose zwischen dem Wissen unserer Vorfahren und den neuesten, wissenschaftlich belegten Erkenntnissen über die Wirkung von Wildpflanzen herzustellen.Wildpflanzen zur Heilung aus der Natur zu nutzen, wusste schon Paracelsus (1493 – 1549): „Sie wollen Artzenei aus überseeischen Ländern und im Garten vor ihrem Haus wächst Besseres.“ Ähnliche Ansichten zur Heilung mittels Wildpflanzen verbreitete Sebastian Kneipp (1821 – 1897): „Alles, was wir brauchen, um gesund zu leben, hat uns die Natur reichlich geschenkt.“

 Medizin wächst vor der Haustür

Diese Schätze der Natur in ihrer Wohngegend zu entdecken und achtsam mit ihnen umzugehen, ist zur Lebensphilosophie der Familie Hecker geworden. Ihre persönlichen Erfahrungen dabei in eine Buchform zu bringen, mit Anleitungen zur Herstellung von Tinkturen, Salben, Cremes etc. und andere Menschen zu inspirieren, ähnlich wie sie, die Wirkstoffe der Natur für ihr Wohlbefinden zu nutzen, waren Ansporn dieses inspirierende Buch zu schreiben.

Selbstverständlich gehören dazu Pflanzenkenntnisse, ihre Wirkstoffe und deren nutzbringende Verwendung: ebenso, an welchen Standorten diese Pflanzen zu finden sind, wann gesammelt wird, die Anwendungsziele, die Aufbewahrung usw. Für alle diese Ansprüche ist das Buch ein hervorragender Ratgeber.

In einer farblich gestalteten Übersicht werden typische Wildpflanzen den 10 Jahreszeiten zugeordnet. Diese Farbgestaltung wiederholt sich im Buchverlauf bei den umfangreichen Einzeldarstellungen jeder Pflanze mit allen ihren Merkmalen und Verwendungsmöglichkeiten. Die Lesenden werden informiert über die Systematik, Herkunft, Pflanzensammelteile – d.h. Wurzel, Blatt oder Blüte –, Inhaltsstoffe, Wissenswertes über Kenntnisse unserer Vorfahren und vieles mehr.

Interessant ist die phänologische Betrachtungsweise. Im Erstfrühling der Farbe Grün werden die Lebensgeister geweckt. Das geschieht im Element Wasser. Hier wird also an feuchten Standorten gesammelt. Dazu zählen: Weiden, Baldrian, Schlüsselblume, Bärlauch und andere. In dieser Art und Weise werden im gesamten Buch die Pflanzen in ihrer wirksamsten Jahreszeit vorgestellt. Eine Übersicht in den Umschlagseiten gibt den Lesenden Orientierung. Holunder hilft bei Erkältungen; für die Nerven wirkt Baldrian beruhigend und auch für das Alter tut Baldrian etwas Gutes.

Insgesamt ein Buch mit Unterhaltungswert, reichhaltigen Anleitungen in Text- und Bild – ein Buch, welches ein ständiger Begleiter über Generationen hinweg sein kann. (CH)

Katrin und Frank Hecker

Heilsame Wildpflanzen

Haupt Verlag

ISBN 978-3-258-07977-6

29,90 €

Sonja Schwingesbauer: Wo die wilden Nützlinge wohnen.

Wo die wilden Nützlinge wohnen, ist für die Autorin Sonja Schwingesbauer, promovierte Landschaftsplanerin und Pflanzplanerin in einem Landschaftsplanungsbüro in Wien, ganz klar: in ihrem Garten. Und so beschreibt sie in diesem Buch, wie sie aus ihrem eigenen Garten einen wilden Nützlingsgarten gestaltet hat. Dabei spürt man ihre Begeisterung fürs Thema in jeder Zeile und weil das Buch so frisch daherkommt, schafft es die Autorin auch leicht, Menschen von Jung bis Alt mitzunehmen bei ihrem Anliegen: Ja, es lohnt sich, für die kleinen bis großen Wildtiere im eigenen Garten einen guten Platz zu schaffen.

Sonja Schwingesbauer gliedert ihr Buch in drei Teile. In Teil eins schildert sie auf rund 40 Seiten, was ein wilder Nützlingsgarten ist, was diesen besonderen Ort ausmacht und weshalb sie ihn liebt: Er ist naturnah und dynamisch, pflegeleicht und tierfreundlich, spannender als jeder Krimi und dazu noch ein Ort der Freude zu Leben und für berührende Naturbeobachtungen.

Im Hauptteil des Buches stellt die Autorin auf rund 150 Seiten die Wildtiere vor, die im wilden Nützlingsgarten leben. Dabei wird rasch klar, dass die Autorin den Begriff Nützling sehr weit fasst: Für sie gehören nicht nur die aus biologisch-ökologischer Sichtweise nützlichen Tiere mit meist räuberischer Lebensweise wie Igel, Blindschleiche, Fledermäuse, Schlupfwespen, Marien- und Laufkäfer, Schweb- und Florfliegen dazu, die schädliche Tiere in Schach halten, sondern auch bestäubende Insekten wie Wildbienen und Schmetterlinge oder das beliebte Eichhörnchen. Schon die Überschriften „emsige Gourmets und umtriebige Genießer“, „wilde Gärtnergehilfen“ und „ruhelose Streuner und flatternde Nachtschwärmer“ laden zum Lesen ein, noch mehr die gleichermaßen übersichtlich und attraktiv gestalteten Seiten der Artenporträts. Jeder „Nützling“ – von Schmetterlingen und Wildbienen inklusive Hummeln über verschiedene Vögel, Igel, Spitzmaus, Maulwurf, Mauswiesel und Fledermäusen bis zu Zauneidechse, Blindschleiche, Ringelnatter, Frösche, Kröten, Spinnen und sogar dem Tigerschnegel – wird auf einer halben bis Doppelseite ausführlich mit Merkmalen, Lebensweise, Wohlfühlort (also Lebensraum) und Lieblingsessen sowie Verwandtschaftsverhältnissen und „Nutzen“ in Text und Bild vorgestellt. An den passenden Stellen eingestreut sind mehrseitige Passagen mit Pflanzen für Schmetterlinge und ihre Raupenkinder oder für Bienen und ihren Nachwuchs.

Im praktischen Teil gibt die Autorin auf rund 100 Seiten Anregungen, Vorschläge und konkrete Anleitungen, wie man den eigenen Garten mit Kräuterrasen, Wildblumen, Wildsträuchern und vertikalem Grün, mit Wasserstellen, Futterstationen, Nisthilfen und Unterschlüpfen in einen wilden Nützlingsgarten verwandelt.

Dieses Buch macht Lust zum Lesen, zum Beobachten der vielen verschiedenen Wildtiere im eigenen Garten und zum Umsetzen der darin vorgestellten Ideen. Es sticht aus der Vielzahl an Publikationen zu diesem Thema durch Format, Umfang, Haptik und Covergestaltung ebenso hervor wie durch Aufbau, Layout, Fotos und persönlich-fachlichem Text des Themas sowie durch das für Sachbücher ungewöhnliche Lesebändchen. (BO)

Sonja Schwingesbauer

Wo die wilden Nützlinge wohnen

Löwenzahn Verlag

ISBN 978-3-7066-2645-3

29,90 €

Susanne Wiborg: Gäste in meinem Garten. Bienen, Amseln, Huhn und Star.

In Susanne Wiborgs Büchern finden wir uns alle wieder: die, die wir am großen Garten verzweifeln und vor Glücksgefühlen platzen möchten, die, die wir vom eigenen Garten träumen und unseren Balkon hegen und pflegen, und die, die wir gar keinen Garten brauchen – weil sie uns ihren unterhaltsam in die Seele schreibt. Es kreucht und fleucht, zwitschert und gackert, verendet und entsteht in Susanne Wiborgs Garten, den sie mutig und kundig nicht nur beackert, sondern seit Jahren zur Freude ihrer Leser und Leserinnen beschreibt. Im Wochenmagazin „Die Zeit“ und in der Gartenzeitschrift, „Kraut & Rüben“ kolumniert sie über das Grün in ihrer kleinen Landwirtschaft, und veröffentlicht in steter Folge Bücher über ihr Lebensthema. In ihrem neusten (und hier empfohlenen) Buch fokussiert sie auf die Lebewesen neben den Pflanzen.

Auch wenn sie gleich zu Anfang von ihrer Skepsis gegenüber allen Insekten berichtet, schenkt sie dem kleinen Getier neben dem größeren – wie den Hühnern, Tauben oder Habichten – sorgfältige Aufmerksamkeit. So lässt sich erlesen, wie sie trotz eines Kafka-Traumas einem Bienenvolk Einzug in ihren Garten gewährt, wie Regina und ihr Volk für neue Erfahrungen wie Überlebenstraining und originelle Weihnachtsgeschenke sorgen, oder wie sich die dicken Hummelköniginnen seitliche Löcher in Blumen knipsen, weil sie nicht durch den schlanken Blütenhals passen.

Mit Humor durch das Gartenjahr

„Gäste in meinem Garten“ führt in 26 kurzen Kapiteln durch das Jahr. Beginnend mit der Frage: Wird es denn gar nicht richtig Winter? Susanne Wiborg ist verzweifelt. Wochenlange Nässe, das Wetter, das Blumenzwiebeln hassen und Schimmelpilze lieben macht ihr zu schaffen – doch die Natur ist stärker als die ungute Witterung, die ersten Krokusse schieben schließlich ihre Köpfchen nach oben. Diese und andere Glücksgefühle durch alle Wetterlagen hindurch beschreibt die Autorin humorvoll und klug, und erfreut nicht nur Garten-Süchtige mit ihrem Blick in die Natur.

Da wird die Kirschreife etwa zur „sommerlichen Riesenparty“: „Sie startet im Morgengrauen und endet mit dem letzten Tageslicht, wenn nicht nachts noch die Marder kommen, die das süße Obst ebenfalls zu schätzen wissen. Alles, was laufen und fliegen kann, scheint sich einzufinden: Elster und Eichelhäher, Krähen und ganze Möwenschwärme, Amseln, Eichhörnchen, Meisen, Mönchsgrasmücken, Tauben und Spechte, Spatzen, Finken und Grünlinge – sie alle wollen nur das eine: das saftige reife Obst.“ (S. 47) Solcherart Blick, der den Garten anthropomorphisiert, die Gesellschaft der Tiere mit jener der Menschen kurzschließt, und doch immer wieder mit dem natürlichen Nicht-Verstehen zu hantieren weiß: Susanne Wiborg hat ihn über die Jahre zu ihrer ganz eigenen literarischen Kunst gemacht. Bei ihr bleibt es zudem nie beim launigen Beschreiben – viel Alltagswissen und Gartentipps vermag sie in ihren Büchern unterzubringen.

Gespickt mit wertvollen Erfahrungen erzählt die Autorin aus ihrer Nahumgebung, Wir erfahren, dass der Lerchensporn toxisch ist, voll mit Alkaloiden, und früher als Wurmkur und Brechmittel genutzt wurde. Oder welchen natürlichen Legerhythmus man einem Huhn zugestehen sollte. Wie in ihren letzten Büchern auch sorgen die Illustrationen von Rotraut Susanne Berner für eine zusätzliche Ebene. In ihren typischen Momentaufnahmen, farbigen Scherenschnitten gleich, transportiert sie die Textebene in eine erläuternd-atmosphärische Dimension. „Gäste in meinem Garten“ ist auch – einfach gesagt – ein schönes Buch. (KS)

5Susanne Wiborg

Gäste in meinem Garten

Verlag Antje Kunstmann –

ISBN 978-3-95614-297-0

18,00 €

Susanne Wiborg

Gäste in meinem Garten

Verlag Antje Kunstmann –

ISBN 978-3-95614-297-0

18,00 €

Gesa Sander: KinderGarten. Pflanzenporträts, Rezepte, Bastelprojekte und Experimente

Dieses 19 x 25 cm große, fein gebundene, einfach tolle Buch aus dem at Verlag, Aarau und München, wird Kindern Lust und Freude am Garten, am Umgehen mit Natur vermitteln. Stimmungsvoll von Julia Hoersch fotografiert und liebevoll gestaltet, werden sie von der Autorin Gesa Sander, die von sich selbst sagt, dass sie seit jeher über die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt staunt, als ,Junggärtnerin‘ oder ,Junggärtner‘ exklusiv und auf ,Augenhöhe‘ angesprochen. Gleich zu Beginn weist sie die Lesenden darauf hin: „Das Spannende am Gärtnern ist, dass man nicht alles vorhersehen kann.“ Das weckt nicht nur Neugier, sondern lädt zum aktiven Tun und Naturbegegnen ein: „Sperre Augen, Mund und Nase auf! Kremple die Ärmel hoch, denn es gibt allerhand zu entdecken und auszuprobieren!“ Mitlesende Eltern, Großeltern und Lehrkräfte werden zum Mittun eingeladen, geht es doch auf den 184 Seiten um tolle Mitmachprojekte, Experimente und Wissenswertes zur Garten-Natur. Alle fühlen sich animiert, zu säen, zu pflanzen, zu pflegen und zu ernten, dabei zu beobachten und zu staunen.

Anhand ausgewählter Gemüse- und Obstarten, Kräuter und Blumen werden Lebenszyklen von Pflanzen, ihre Eigenheiten und besonderen Bedürfnisse auf unterhaltsame und kindgerechte Art vermittelt und den Heranwachsenden die Augen geöffnet. Da wird in der Erde gewühlt, gesät und gehackt, es werden Stecklinge vermehrt, Färbeexperimente gemacht, mit Naturfundstücken gebastelt, ein Insektenhotel gebaut und die geernteten Gemüse und Früchte zu leckeren Gerichten verarbeitet.

Dafür ist ein eigener Garten nicht unbedingt erforderlich, die meisten Ideen lassen sich auch in Kästen, Kübeln und Pflanztöpfen auf dem Balkon oder Fensterbrett verwirklichen. Welches Werkzeug für welche Tätigkeit benötigt wird, was im Gartenjahr wann zu tun ist, was hier gute und schlechte Nachbarn sind, wie sich Nützlinge fördern lassen und was ein Herbarium ist, ob mit Pflanzen Blaudruck gelingen kann, was Bauernregeln sind – dies und vieles mehr wird thematisiert.

Ein Register „Chaos und Ordnung“ hilft den jungen Gärtnerinnen und Gärtnern, sich zurecht zu finden und zu entdecken, welch spannende Welt der Garten ist. Dafür wurde ein echtes „Kinder-Garten-Welt-Entdecker-Buch“ geschrieben! (SW)

Gesa Sander, Julia Hörsch

KinderGarten

AT Verlag

ISBN 978-3-03800-069-3

25,00 €

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